Portraits der Choreograph*innen

Mit der tanzpädagogischen und choreographischen Leitung des Projekts hat Them@ Tanz e.V. Christian Judith und Silke Hüttel-Judith von K Produktion beauftragt. Silke Hüttel-Judith arbeitet seit vielen Jahren als Tanzpädagogin. Christian Judith ist Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Sozialarbeiter. Er ist von Geburt an körperbehindert und arbeitet seit über 20 Jahren in der Behindertenbewegung, ist im bioethischen Arbeitskreis der ISL (Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben) e.V. Deutschland und hat 2004 die Firma K Produktion mit den Geschäftsfeldern „inklusiv tanzen“, „behindertenpolitisch fortbilden“, „barrierefrei veranstalten“ und „übersetzen in Leichte Sprache“ gegründet. Er ist Unterstützer verschiedener Werkstatträte und Wohnbeiräte.



Silke Hüttel-Judith 

Viele Wege führen zum Tanz. Schon seit frühester Kindheit sind kreative Ausdrucksmöglichkeiten verschiedenster Art Bestandteil meines Lebens. An einer Lebens-Weg-Kreuzung vor etwa 30 Jahren entdeckte ich dann auch den Tanz für mich, der mich bis zum heutigen Tag begleitet. Von Biodanca über Tanzmeditation, 5-Rhythmen und zeitgenössischen Tanz sowie Kontaktimprovisation tanzte ich mich durch die Jahre und rundete diese Zeit durch eine Ausbildung zur Tanztherapeutin ab,  meinem zweiten Beruf im kreativen Bereich.

Tanz bedeutet für mich Freiheit, Leichtigkeit, Lebensfreude pur! Befreiung aus der Kopflastigkeit in einen kreativen, individuellen Ausdruck meines Selbst. Im Körper ankommen, wohl fühlen, spritzig mitreißendes Vergnügen. Immer wieder aufs Neue Veränderung erleben − neugierig auf den nächsten Tanz. Ich denke dann oft an einen Satz von Oskar Wilde: Sei du selbst. Alle anderen sind bereits vergeben.

Ein Körper der sich tänzerisch bewegt ist wahrscheinlich eine der ältesten Formen des menschlichen Ausdrucks. Die Tänzerin und den Tänzer, der in jedem Körper wohnt zu befreien, unabhängig von Alter, Kultur, Größe, Einschränkung, Statur und Erfahrung ist dabei die Verlockung, die Herausforderung und der Reiz. Das macht Inklusion und Tanz für mich aus. Als besonderes Tanzereignis ist mir unser inklusives Projekt auf dem Karneval der Kulturen in Berlin 2015 in Erinnerung. Begleitet, angefeuert, beklatscht und umjubelt von 800 000 Menschen an den Straßenrändern erlebten wir miteinander ein Feuerwerk der Tanzfreude!


Christian Judith

Wie bist Du zum Tanzen gekommen?

Alles begann mit einem kleinen Auftrag: Ich sollte ein Theater in Kassel beraten, das das englische Tanz-Theater Candoco eingeladen hatten. Das Besondere: Candoco bestand aus Menschen mit und ohne Behinderung. Und das Kasseler Theater wusste nicht, wo er mit diesem Ensemble Essen gehen konnte. 

So durfte ich das Theater beraten. Aus der Frage, wo kann ich Essengehen kann, wurden aber ganz viele Fragen. Auf viele wusste ich eine Antwort, denn Barrierefreiheit war für mich natürlich damals schon ein großes Thema.
Der Veranstalter war glücklich, dass ich ihm helfen konnte und hat mir deshalb einen zweistündigen Schnupperkurs für inklusiven Tanz geschenkt. Zwei Stunden, die mein Leben verändert haben. Die nächsten Jahre bin ich durch ganz Deutschland und durch viele europäische Länder gereist, um an Tanzworkshops teilzunehmen – es war wie im Rausch.

Was bedeutet es für Dich, zu tanzen?

Als Mensch mit einer Körperbehinderung habe ich schon ganz früh im Leben geschnallt – und habe es auch immer wieder von außen vermittelt bekommen: Du wirst mit deiner Intelligenz, deinem Redetalent dein Leben bestreiten – darauf kannst du bauen. Der Körper war dem Geist quasi untergeordnet. Der Körper wurde so in seiner Besonderheit negiert – auch von anderen. Die Entdeckung meiner Körperlichkeit durch das Tanzen hat diesen Widerstreit beendet. Auf einmal war es der Körper, der etwas konnte, der Ästhetik ausdrückte. Körper und Geist haben durch den Tanz zusammengefunden, sie schaffen gemeinsam etwas, das als Tanz auf die Bühne gehört. Das Zusammenspiel von Musik, Bewegung, Körper und Kopf ist für mich jedes Mal wieder ein Erlebnis.

Was verstehst Du unter Inklusion?

„Mensch zuerst“ hat hier eine tolle Beschreibung gefunden: Mittendrin statt nur dabei! Alle können alles machen, gemeinsam oder alleine. Eine Behinderung oder andere Formen der Diversität bestimmen nicht, was jemand kann, sondern der Mensch selbst bestimmt es. Um dieses aber ausleben zu können braucht es auch die Umsetzungsmöglichkeiten – z.B. die Barrierefreiheit. Wenn ich nicht Teilhaben kann am alltäglichen Leben in meiner Gemeinde, wenn ich nicht zum Arzt komme, weil dort Stufen sind, wenn ich nicht die Bahn nutzen kann, weil auf meinem Bahnhof keine Einstiegshilfe geleistet wird, weil ich wegen mangelnder Barrierefreiheit nicht das Rathaus, die Kneipe, die Schule nutzen kann, dann ist dies eine Menschenrechtsverletzung.

Tanzen und Inklusion: Haben sich da zwei gefunden?

Inklusiver Tanz lädt alle Menschen zum Mitmachen ein. Denn für mich gilt: jede*r kann tanzen aber nicht jede*r ist eine*e Tänzer*in! Genauso wie jede*r malen kann aber nicht jede*r ein*e Maler*in ist! Es ist bei jedem Training toll, aufregend und schön, gemeinsam zu erfahren, wie die verschiedenen Körper miteinander durch den Tanz in Bewegung kommen, ja, beginnen, zu kommunizieren. Grenzen sind für mich dann erreicht, wenn es um die körperliche Unversehrtheit geht, bei Bewegungsabläufen Verletzungsgefahr besteht. Hier trage ich als Choreograph beim inklusiven Tanz eine besondere Verantwortung, habe ich doch oft mit Tänzer*innen zu tun, die die Möglichkeiten ihrer Körper erst kennenlernen und unerfahren sind, so wie ich es einmal war.  

Es geht beim inklusiven Tanz um den Bruch mit gewohnter Ästhetik, um das gemeinsame Destillieren von Bewegungen zu Schönheit. Der Suchprozess ist es, der immer die intensivste Erfahrung ist. Und ja: Tanzen und Inklusion gehören zusammen! Der inklusive Tanz feiert die Schönheit der Verschiedenheit – was könnte Inklusion besser auf den Punkt bringen?

Was ist Deine schönste Erinnerung an einen Tanzauftritt?

Als ich mit dem Tanzen begonnen habe, bin ich, wie gesagt, viel herumgereist. Eine Reise führte mich auch für eine Woche nach London zur International Summer School. Dort traf ich meinen späteren Choreographen Adam Benjamin und traute mich, ihn am Ende der Woche zu fragen: „Was meinst Du, Adam? Kann ich Tänzer sein?“ Adam war ein echter Brite und als solcher ein Gentleman. Er sagte, er habe zu wenig von mir gesehen in der Woche und traue sich daher keine Einschätzung zu. Mir war klar, dass das zum damaligen Zeitpunkt nichts Anderes hieß als „nein“. Ich war aber nicht entmutigt, ganz im Gegenteil. Meine Begeisterung für den Tanz war ungebrochen.

Einige Jahre später war er der Choreograph unserer Laien-hfTanz-Theater-Gruppe HandiCapache. Nach der Premiere unseres Stückes, sprach er mit mir und sagte: „Vor ein paar Jahren hast Du mir eine Frage gestellt, heute Abend hast Du Dir selbst die Antwort gegeben.“ Ich war tief bewegt, rollte noch einmal zurück in das nun leere Theater, legte mich auf die Bühne uns sagte zu mir“ „Ja, hier gehörst Du hin.“